Stiftung Sozialwerk St. Georg

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Die Schwierigkeiten in der Handlungsorganisation und im Initiieren von Sozialkontakten wirken sich besonders massiv auf die Freizeitgestaltung aus, in der beide Kompetenzen in hohem Maße gefordert sind. Sind diese eingeschränkt, so führt unstrukturierte F

Jede Handlung einer Person ist nur möglich durch gleichzeitige oder vorhergehende kognitive Prozesse. Diese kognitiven Prozesse können so beeinträchtigt sein, dass sie Auswirkungen auf die Fähigkeiten und Handlungsmöglichkeiten einer Person haben. Nur durch das Erkennen der den Handlungen zugrundeliegenden kognitiven Prozesse ist es möglich, die Ursachen zu verstehen und eine dem kognitiven Profil angemessene Assistenz zu entwickeln. Durch die inzwischen möglichen bildgebenden Verfahren gibt es inzwischen deutliche Hinweise, dass diese Prozesse bei autistischen Personen anders sind.

Theory of Mind - Soziale Kognition

Wir verfügen über die Fähigkeit, Ideen, Absichten, Gedanken oder Gefühle von unseren Mitmenschen wahrzunehmen. Wir können uns in ihre Lage versetzen, um zu verstehen oder zu erahnen, was und warum sie etwas tun oder tun werden. Diese Mentalisierungsfähigkeit, die „Theory of Mind“ (ToM) lässt uns das Verhalten anderer voraussehen. Bei nicht autistischen Menschen ist dieser Prozess hochautomatisiert, mühelos und größtenteils unbewusst. Die Fähigkeit, sich und anderen geistige Zustände zuschreiben zu können, folgern zu können, was im eigenen und im Geiste anderer vorgeht und Verhalten vorhersagen zu können, ist eine wichtige Basis für soziale Kompetenzen und entwickelt sich in den ersten Lebensjahren. Nicht autistische Kinder sind ab einem Alter von dreieinhalb bis vier Jahren in der Lage, sogenannte False Belief-Aufgaben zu lösen, die erfordern, dass sie Fehlannahmen anderer Personen nachvollziehen und verstehen können. Menschen mit Autismus weisen deutliche Schwierigkeiten im Bereich der ToM auf. Verschiedene Teilleistungen, die eng mit ToM-Fähigkeiten verknüpft sind, wie z.B. das Erkennen und Verstehen von Gesichtern und Emotionen, die Blickverfolgung, die Sensitivität für biologische Bewegungen und gemeinsame Aufmerksamkeit sowie auch das Symbolspiel und das Verstehen von Metaphern und Ironie sind bei Menschen mit Autismus oft beeinträchtigt. ToM-Defizite werden mittlerweile als ein Kernsymptom von Autismus-Spektrum-Störungen angesehen und sind zahlreich belegt.

Zentrale Kohärenz

Um den sozialen Anforderungen gerecht zu werden, ist es oft notwendig, sich ein Gesamtbild über die Situation zu verschaffen und Bedeutungszusammenhänge herzustellen. Dadurch gelingt es, Entscheidungsprozesse dem jeweiligen Kontext anzupassen. Bei dieser Tendenz, Einzelheiten als zusammengehörig und immer im Bezugskontext wahrzunehmen und zu verarbeiten, spricht man von der zentralen Kohärenz. Einzelinformationen werden miteinander verbunden und zueinander in Beziehung gesetzt. Diese Fähigkeit ermöglicht eine ganzheitliche Auffassung einer Handlung oder Situation, einzelne Informationen werden zu einem bedeutungsvollen Ganzen verbunden. Die Theorie der schwachen zentralen Kohärenz geht davon aus, dass autistische Menschen Reize deutlich anders verarbeiten als nicht autistische. Während nicht autistische Menschen mehrere Reize integriert und als ein bedeutsames Ganzes erfassen, haben Menschen mit Autismus die Tendenz, Reize einzeln und detailfokussiert wahrzunehmen und zu verarbeiten. Die mangelhafte zentrale Kohärenz von Menschen mit Autismus hat zur Folge, dass die Bedeutung der Gesamtsituation nicht klar wird und so auch die Unterscheidung zwischen wichtigen und unwichtigen Aspekten erschwert ist. Die Theorie der schwachen zentralen Kohärenz kann gleichzeitig Stärken und Schwächen autistischer Menschen erklären: während sie in Situationen, in denen die Wahrnehmung und das Verständnis eines großen Ganzen und die Integration mehrerer Reize von Bedeutung ist, häufig scheitern, weisen sie besondere Fähigkeiten bei Aufgaben auf, die eine hohe Detailtreue und -aufmerksamkeit erfordern.

Exekutive Funktionen

In bestimmten Arbeitsfeldern kann diese detailorientierte Erfassung ein großer Vorteil sein, z.B. bei der Qualitätskontrolle oder beim Korrekturlesen. Um jedoch insbesondere in der Schule und bei der Arbeit planvoll und zielgerichtet vorzugehen, müssen Entscheidungen getroffen und Handlungen kontrolliert werden. Gesteuert werden all diese kognitiven Funktionen durch die exekutiven Funktionen. Es handelt sich z.B. um die Fähigkeit, geeignete Problemlösungsstrategien für das Erreichen eines zukünftigen Ziels zu entwickeln bzw. auszuwählen. Das Ziel und die notwendigen Handlungsschritte müssen mental/gedanklich repräsentiert werden, die Reihenfolge der verschiedenen Teilschritte geplant und andere Impulse und Ablenkungen unterdrückt werden. Menschen mit Autismus weisen deutliche Defizite in allen Bereichen der exekutiven Funktionen auf. Die Theorie der exekutiven Dysfunktion erklärt beispielsweise die Neigung zu Routinen und perseverativem Verhalten von Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen.

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Internationale Fachtagung

22.-23.05.2019

Autismus und Beziehungen - Unterschiedliche Perspektiven

Autism and Relationships - Different Perspectives

Weitere Informationen und die Möglichkeit zur Anmeldung finden Sie hier.