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Auffälligkeiten im Sozialverhalten

Auffälligkeiten im Sozialverhalten sind zentrales Merkmal des Autismus. Menschen mit Autismus sind häufig nicht so sehr an engen Sozialbeziehungen interessiert oder haben Schwierigkeiten, solche zu gestalten. Ein wesentliches Merkmal, das sich oft schwer konkret beschreiben lässt, sondern sich eher als ein Gefühl beim Umgang mit autistischen Menschen manifestiert, ist die eingeschränkte soziale Wechselseitigkeit. Nicht autistische Menschen stellen sich im Umgang miteinander automatisch auf ihr Gegenüber ein, beziehen in ihr Verhalten die vermutete Gefühlslage und den mentalen Zustand der anderen Person mit ein. Diese Fähigkeit zur Wahrnehmung und Berücksichtigung von Ideen, Absichten, Gedanken oder Gefühlen Anderer wird als soziale Kognition, "Theory of mind" oder Mentalisierungsfähigkeit bezeichnet. Natürlich weist die Ausprägung dieser Fähigkeit auch in der Population der nicht autistischen Menschen eine hohe Varianz auf, aber Personen mit Autismus haben hier besonders große Schwierigkeiten. Ihnen scheinen diese sozialen Kognitionen nicht so natürlich und unbewusst zu gelingen wie nicht autistischen Menschen. Zahlreiche Untersuchungen zur „Theory of Mind“ haben dieses mangelnde Bewusstsein von dem mentalen Zustand anderer Menschen bei Personen mit Autismus bestätigt. Diese Theorie stellt eines der wesentlichen Erklärungsmodelle für die sozialen und kommunikativen Schwierigkeiten autistischer Menschen dar.

Soziale Interaktion

Menschen mit Autismus haben Schwierigkeiten beim Initiieren und Aufrechterhalten von sozialen Interaktionen. Ein passives Verhalten weist nicht zwangsläufig auf mangelndes Interesse an anderen hin, sondern auch auf die Unfähigkeit, dieses Interesse in angemessene und Erfolg versprechende Handlungen einmünden zu lassen. Sie sind oft auf die Unterstützung durch andere angewiesen. Dies erklärt auch, warum Menschen mit Autismus oft eher den Kontakt zu Betreuungspersonen suchen, die aufgrund ihrer Rolle eher bereit sind, diese Unterstützung zu bieten als Gleichaltrige.

Blickkontakt

Für die Kontaktaufnahme und -aufrechterhaltung spielt normalerweise der Augenkontakt eine wesentliche Rolle. Autistische Menschen weisen oft Auffälligkeiten im Blickkontakt auf. Sie meiden ihn entweder ganz, starren eher als dass sie den anderen ansehen oder scheinen durch ihn hindurch zu schauen. Über Blickkontakt ist es möglich, zum einen Informationen über den emotionalen Zustand des Gegenübers zu empfangen und zum anderen Informationen zu vermitteln und so das Verhalten des anderen zu steuern. Genaue Videoanalysen haben gezeigt, dass Menschen mit Autismus beim Blick in das Gesicht des Gegenübers nicht die besonders informationsträchtigen Bereiche, vor allem die Augen, betrachten, sondern stattdessen oft an irrelevanten Bereichen hängen bleiben oder den Blick im Raum umher wandern lassen. Es fällt ihnen schwer den emotionalen Gehalt eines Gesichtsausdrucks zu interpretieren und entsprechend haben sie Probleme, sich in ihrem Verhalten darauf einzustellen.

Geteilte Aufmerksamkeit

Sie zeigen auch große Schwierigkeiten mit geteilter Aufmerksamkeit, d.h. mit der Fähigkeit, die eigene Aufmerksamkeit gleichzeitig auf eine andere Person und einen Gegenstand zu richten und so das Interesse an dem Gegenstand mit jemand anderem zu teilen. Auch hier spielt der Blickkontakt, oft in Verbindung mit Zeigen, und damit der Wechsel des Fokus zwischen Gegenstand und Person eine wesentliche Rolle. Dieser Mangel an geteilter Aufmerksamkeit ist neben der unzureichenden Reaktion auf den eigenen Namen eines der ersten eindeutigen Symptome, das bereits im Alter von einem Jahr zu beobachten ist.

Schwache zentrale Kohärenz

Probleme beim Erfassen sozialer Regeln sind eine weitere Auffälligkeit von Menschen mit Autismus. Durch Defizite in der zentralen Kohärenz bestehen Schwierigkeiten, einzelne Aspekte miteinander in Beziehung zu setzen und die Reizkonstellation als bedeutungsvolles Ganzes zu begreifen. Diese Orientierung an Einzelaspekten statt an der Gesamtsituation macht es ihnen schwer, die soziale Situation, in der sie sich befinden, überhaupt zu erkennen und einzuordnen. Die nächste Hürde ist die Ableitung der sozialen Regeln, die in dieser Situation gelten, und die normalerweise ja nicht explizit benannt werden, sondern überwiegend intuitiv erfasst, durch Imitation erlernt und flexibel angewandt werden müssen, alles Fähigkeiten, die durch den Autismus beeinträchtigt sind.

Eine Folge dieses Problems ist die Schwierigkeit, das eigene Verhalten der Situation anzupassen. Menschen mit Autismus sind in ihrem Verhalten ausgesprochen authentisch, orientieren sich wenig an Konventionen und gesellschaftlichen Erwartungen, die ihnen oft nicht bekannt sind oder auf die sie nicht flexibel genug reagieren können. Damit zeigen sie leicht ein in unseren Augen unangemessenes, skurriles oder inakzeptables Verhalten.

All die genannten Schwierigkeiten führen dazu, dass soziale Situationen für Menschen mit Autismus eine große Herausforderung darstellen, die zu Verunsicherung und Überforderung führen kann und deshalb oft gemieden wird.

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Internationale Fachtagung

22.-23.05.2019

Autismus und Beziehungen - Unterschiedliche Perspektiven

Autism and Relationships - Different Perspectives

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